Foto: © Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper ; Alle Rechte vorbehalten
Verdis La Traviata
in der Bayerischen Staatsoper
2 von 5 Operngläsern
Prädikat: Mittelprächtig
,Was für ein Skandal‘ oder
,Wie langweilig‘ ..?
Tosca, mi fai dimenticare Iddio!
Manchmal gibt es unter den Opernhäusern Kooperationen.
Sprich, die selbe Inszenierung an verschiedenen Orten der Welt.
Über Sinn und Unsinn dieses Vorgangs im Theaterbetrieb maßen wir uns kein Urteil an.
Allein, es ist spannend zu sehen, wie verschieden das jeweilige Publikum vor Ort reagiert!
Im September 2009 brachte die New Yorker MET eine neue Tosca heraus,
in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsoper. Mehr oder weniger.
Luc Bondy zeichnete als Regisseur verantwortlich – und erntete nichts als Buhrufe.
Was für ein Skandal! Empörend! Unsittlich!
Als dieselbe Inszenierung dann in München gegeben wurde: Verhaltene Reaktionen.
Ja, mei, ganz nett, nix besonderes...
Was ist geschehen? Wieso diese zwei weit auseinander klaffenden Wundränder?
Zur Linken die prüden Amerikaner.
Wenn Scarpia als Lüstling Tosca begrapscht, oder auf Cavaradossis Altarbild der Maria Magdalena,
das ja eigentlich die Gräfin Attavanti zeigt, eine nackte Brust zu sehen ist, dann schreit der
etwas verklemmte New Yorker gleich nach der Sittenpolizei.
Erschwerend kommt hinzu, dass Bondys Neu-Inszenierung die bisher so geliebte
Zeffirelli-Tosca ablöste. Das kommt für manch einen Opernfan einer Götterdämmerung gleich.
In München gab es dann – und gibt es noch – vorsichtshalber die etwas entschärfte Variante zu sehen.
Vor das Nippelgate wird scheinbar zufällig ein Metallgerüst geschoben, um das Ärgernis zu
verstecken (siehe Bild oben). Is aber eigentlich auch egal, denn an einer nackten Brust auf einem Ölgemälde stört
sich hierzulande wohl niemand mehr. Ganz anders die Amerikaner:
Erinnern Sie sich noch - 2002 ließ der nach eigenen Angaben sehr gläubige US-Justizminister
John Ashcroft für schlappe 8.000 Dollar die Brust der Bronzestatue Justitia im Foyer verhüllen, weil der
Anblick schockiere. Dass die Statue in gewohnt freizügiger Manier dort seit den 1930‘er Jahren steht,
war irgendwie egal. Auf einmal war man prüde geworden.
Also: in München störte sich niemand an einem Busen.
Vielmehr wurde die Inszenierung für erstaunlich fad erklärt.
Die drei fixierten Schauplätze – nämlich die Kirche Sant’Andrea della Valle,
Scarpias Büro im Palazzo Farnese und das Dach der Engelsburg – werden nur dezent angedeutet,
abstrahiert, dargestellt. Im ersten Akt blicken wir auf eine recht kahle Backsteinwand im großen,
ansonsten leeren Bühnenraum. Das Amtszimmer erinnert an die 1930‘er Jahre, inklusive Sofa und
Leder-Chaise-Longe. Die Plattform der Engelsburg ist wieder viel Backstein.
Also keine naturalistische Darstellung, sondern ein zeitloser Minimalismus.
spannungsreichen optischen Kontrast dazu liefern die teils historisierenden Kostüme.
Das wird vor allem deutlich beim „Te Deum“, wenn Priester und Ministranten in großer Garderobe aufmarschieren.
Rein optisch ist also alles nötige geboten und lässt doch so viel Raum für eigene Gedanken, dass die
Figuren ihre Tragödie vor dieser recht nackerten Kulisse wunderbar ausleben könnten.
Foto: © Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper ; Alle Rechte vorbehalten
Allein, es fehlt manchmal am ausgereiften Spannungsbogen.
Die Charaktere wirken zu statisch, zu konturenarm.
Man muss als Zuschauer schon sehr viel selber in die Protagonisten hineindeuten.
Das geht soweit, dass manche Momente, die z.B. einer Tosca Tiefe geben würden, schlichtweg fehlen.
Floria Tosca, aus armen familiären Verhältnissen, wurde wie gesagt von Nonnen groß gezogen und ist eine tief religiöse Person. Überhaupt strotzt Puccinis Oper von christlichen Motiven. Nicht umsonst spielt sie in
Rom, der Hauptstadt des Christentums sozusagen.
Deswegen wichtig und ergreifend der Moment, als die schöne Sängerin in einem Moment größter Agonie nach dem
Messer greift und Scarpia ersticht - um Minuten später laut Libretto zwei Kandelaber wie Altarkerzen um ihn zu drapieren und ein Kruzifix auf seinen Bauch zu legen. Ein so immens wichtiges „Bild“ für die Rolle der Tosca, dass es immerhin zum Motiv der Plakate der Uraufführung wurde.
In Bondys Regie verzichtet sie auf diesen Moment und fächelt sich nach geglücktem Mord Luft zu. Das wars.
Psychologisch eine falsche Symbolik.
Einzig interessant ist Scarpia, der Mörder und Lüstling.
Bondy bediente sich für dessen Rolle an einem lebenden Vorbild,
dem Sowjet-Politiker Lawrenti Beria, der ab 1938 Chef der Geheimpolizei in der UDSSR war -
und der als Schlüsselfigur der „Stalinischen Säuberungen“ galt.
Das Bild paßt. Inhaltlich wie Äußerlich: Der Glatzkopf im Faschisten-Outfit gruselt zutiefst...
Und er ist ein Lüstling, ein Schwein. Nutzt seine Staatsmacht aus, um seine Gelüste zu befriedigen.
Die Inkarnation des politischen und menschlichen terrors, an dem die Tosca schließlich scheitern wird.
Großartig die kleinen Momente, wenn er zum Beispiel der Tosca ihren Umhang abnimmt
und dabei wie zufällig über ihre nackten Oberarme streift – und er wie ein Fetischist an ihrem Cape riecht. Widerlich!
Auch schön, oder eher schaurig-schön: Wenn sich in seinem Arbeitszimmer drei Damen neben ihm auf dem Sofa räkeln. Wie sagte Dieter Krebs mal in einem Sketch: „Na, wenn da mal keine Nutten bei sind!“
Foto: © Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper ; Alle Rechte vorbehalten
So gesehen erfüllt diese Tosca-Inszenierung dann doch wieder ihre Aufgabe: Man haßt den bösen Polizeichef.
Man versteht, wieso Floria Tosca zum Messer greifen muss! Nieder mit dem Tyrannen, den Dolch im Gewande.
Auch der dritte Akt verläuft erstmal schlicht aber ergreifend.
Man hofft mit Tosca, dass es doch ein Happy End geben werde.
Man wird von einer Gänsehaut nach der anderen überrannt, wenn sich herausstellt,
dass alles Lug und Trug war. Mario tot, Tosca zerstört, Publikum erschüttert.
Das liegt allerdings weniger an der szenischen Umsetzung als vielmehr an der tief berührenden
Musik des Giacomo Puccini.
Und zum Schluß schleicht sich dann doch wieder eine dieser kleinen Ungereimtheiten des Regie-Konzeptes ein.
Wortwörtlich an die Wand gedrängt, weiß Tosca keinen Ausweg mehr aus ihrer situation.
Alles ist verloren, Rettung gibt es für sie keine mehr. Einen Heldentod macht Puccini für seine Heroin ausgeschlossen. Was bleibt? Der verzweifelte Sprung ins Bodenlose.
Doch bondy lässt die Tosca plötzlich und unvermittelt in Aktion ausbrechen. Sie gewinnt noch einmal
an Stärke und schubst die ihr nachsetzenden Häscher von der Treppe und stürzt sich dann erst in den Tod.
Ein kleines Randgeschehen, das aber exemplarisch zeigt, wie die Charaktere nicht immer folgerichtig
interpretiert wurden. Puccinis Tosca wäre in Panik die Treppe hinaufgestürzt, bis sie vor dem Abgrund steht
und es keinen Schritt mehr zurück gibt. Bondy schenkt ihr einen Moment der Beherrschtheit,
der leider nicht so wirklich in die Szene passen mag.
Dennoch, Tosca ist eine wunderschöne Oper von kolossaler Musik.
Daran kann auch eine fade Skandal-Inszenierung nicht rütteln.
Und so lohnt es sich eben doch, diese Inszenierung zu sehen.
Hier ein kleiner Vorgeschmack – der „Trailer“ zum Angucken
(einfach auf den Pfeil in der Mitte des Bildes klicken):
Sollte das Video oben nicht funktionieren, gehen Sie bitte direkt über Youtube.de
(Einfach auf den Link klicken):