Foto: © Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper ; Alle Rechte vorbehalten
Offenbachs LES CONTES D‘HOFFMANN
in der Bayerischen Staatsoper
4 von 5 Operngläsern
Prädikat: Sehr sehenswert!
VON EINEM DER AUSZOG, DAS FÜRCHTEN ZU LERNEN
Irgendwo zwischen Komödie und Gruselgeschichte
blättert diese Inszenierung aufs Lustvollste im fantasievollen
Märchenbuch des E. T. A. Hoffmann
Mal wird gelacht, dann wieder stockt dem Zuschauer der Atem und es
jagt ihm ein Schauer über den Rücken. Die Inszenierung in München wird den
irrwitzigen Geschichten des E.T. A Hoffmann gerecht: Hier treiben allerlei verrückte Gestalten
ihr Unwesen und bringen den vom Leben und der Liebe am Ende seines
Lebens enttäuschten Hoffmann in Bedrängnis. Dabei wirft der
Regisseur Richard Jones die große Frage auf die Bühne,
die allen Hoffmann-Geschichten zugrunde liegt: Ist es Realität,
was wir hier erleben oder spielt sich doch alles nur im Kopf ab?
So begegnen wir dem versoffenen Hoffmann in dieser Aufführung
nicht in Lutters Weinkeller, sondern in seinem „Oberstübchen“,
einer maroden spießigen Dachkammer. Der Dichter sitzt am
Schreibtisch, allein dieMuse will ihn nicht küssen. Oder vielmehr:
wollen würde sie schon, allein Hoffmann steht sich selber im Wege.
Trinklust und romantische Melancholie ob seiner großen Liebe
zu Stella halten die Muse auf Abstand, die in diesem Fall ein
Doppelgänger von Hoffmann selbst ist. Geglückter Kunstgriff,
tauchen in E.T.A. Hoffmanns literarischem Vermächtnis doch
tatsächlich immer wieder unheilvolle Doppelgänger auf...
Aus Hoffmanns Kabinettschrank, dem Inbegriff deutscher
Spießbürgerlichkeit in der Romantik, stürmen dann die Studenten
als lustiges Trinkervolk die Mansarde. Sind sie echt? Bildet sich
der Dichter im Suffkoma seine Kameraden nur ein? Jedenfalls Foto: © Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper ;
begibt sich Hoffmann mit Musen-Doppelgänger und Entourage Alle Rechte vorbehalten
auf die Reise in seine schicksalhafte Vergangenheit...
Als sich die Szene zum Olympia-Akt verwandelt – nun alles in quietschbunt! –
wird klar: wir haben das Zimmer des Dichters gar nicht verlassen. Wenige Änderungen,
hier ein Himmelbett in dem Olympia auf ihren Auftritt wartet, dort simple,
bemalte Pappwände, die stark an ein Puppenhaus erinnern, und dazu karnevaleske
Gestalten. Mehr braucht die Inszenierung nicht, um den Zuschauer aus der
äußerlichen Tristesse der Hoffmann‘schen Welt in seine Fantasie mitzunehmen.
Großartig und mit Lacher-Garantie die Arie der Olympia: Als Puppe in eine aufklappbare
Garten-Kulisse gesetzt, schlenkert sie fröhlich mit den Holzbeinchen und verdreht
und biegt sich, als würde ein ungestümes Kind mit ihr spielen (Respekt an diesem Punkt an die Sängerin: Körperbeherrschung pur! Wie kann bei all diesen Verrenkungen nur so toll singen??)
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deren Los es ist, am Singen zugrunde zu gehen. Diesmal
verwandelt sich Hoffmanns Zimmer in eine düstere
grabkammerähnliche Nobel- Behausung, die beherrscht
wird von einem übergroßen Klavier.
Und, es wird wahrhaft gruselig!
Der diabolische Dr. Mirakel tänzelt wie auf Teufelshufen
um die schöne Sängerin.
Als er die Szene verlässt und den Moment abwartet, wenn
auch Hoffmann endlich geht und Antonia alleine ist,
taucht er kurze Zeit später als singender Kopf im Notenbuch
auf dem Klavier wieder auf. Als Antonias Mutter sich dem
unheimlichen Reigen ebenfalls anschließt, ist sie nichts als
eine körperlose stimme, die aus dem Grammophon schallt.
Überhaupt: Dieses Grammophon! Es scheint ein Eigenleben
zu besitzen, der Schalltrichter wendet sich ganz von alleine
dem Publikum zu, dazu die dramatische Opulenz des
Orchesterspiels, fertig ist die Gänsehaut, wie man sie als
Zuschauer nur selten in einem Opernhaus erlebt.
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Die dritte „Geschichte“ von der Kurtisane spielt nun ebenfalls und folgerichtig
nicht in Venedig, sondern eher in einer lahmen, vagen Erinnerung an
den Prunk dieser Stadt. Giulietta trägt ein extravagantes Abendkleid, rot wie die Sünde
sagt man so schön, dazu etwas Schmuck und fertig ist das Sujet der reichen
Kurtisane.
Da es darum geht, Hoffmann sein Spiegelbild zu
stehlen, prangt mitten auf der Bühne
nun ein riesiger Auszieh-Rasierspiegel, der bisher
in Normal-Größe unauffällig in Hoffmanns
Dachstube hing. Die Freier, die einen Blick in diesen
XXL-Spiegel werfen und eine Drehung mit ihm
vollführen, werden ihrer Seele beraubt: Eine volle
Umdrehung, und wenn der Mann auf der anderen
Seite wieder hervortritt, ist sein Gesicht von einer
spiegelnden Totenmaske überzogen. Es ist ein
herrlich schauerliches Prozedere, das man
geboten bekommt. Wörtlich genommen und somit e simpel, aber doch von enormer Regie-Einfallskraft.
Es muss nur noch der Teufel kommen, Dapertutto,
und das Gesicht vom Spiegel pflücken und in
seinem Glasgefäß verstauen.
Zum großen Finale finden wir uns schließlich
wieder in Hoffmanns „Enklave“ ein – zeitgleich mit
der schönen Sängerin Stella, die den Dichter
im Vollsuff über seinem Schreibtisch
zusammengebrochen vorfindet und unverrichteter
Dinge, sprich Liebesschwüre, von dannen zieht...
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Stattdessen ziehen, als Hoffmann doch noch
einmal aufwacht, alle seine Fantasmen auf -
Olympia, Antonia, Giulietta, die Bösewichter und
skurrilen Figuren der letzten Szenen.
Sie singen den Schlußchor und deuten anklagend auf Hoffmann. Nur weil er sich von Ihnen nicht lösen kann, verliert er im letzten Moment alles, auch Stella. die Schreckgespenster in seinem Kopf lassen ihn nicht los. Und die Muse Niklaus verschwindet mit den letzten Tönen der Musik zurück in den Kabinettschrank.
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Ein herrliches Opernvergnügen, manchmal kindlich – wie es E.T.A. Hoffmann wohl auch gewesen ist, manchmal düster-schauerlich, wie seine Erzählungen. Die Inszenierung versteht es aufs Trefflichste, uns als Zuschauer aus unserem Alltag zu heben und für ein paar Stunden in die Fänge des Mysteriösen zu übergeben, ohne jemals schwülstig oder anstrengend zu werden.
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