Foto: © Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper ; Alle Rechte vorbehalten
Verdis La Traviata
in der Bayerischen Staatsoper
1 von 5 Operngläsern
Prädikat: Enttäuschend
Das lange Sterben der Kameliendame
Machen wir es kurz und schmerzlos: Diese Traviata ist überholt und gehört ausrangiert.
Blass, emotionslos und siechend daniederliegen ist nicht die Kameliendame, sondern die Inszenierung.
Umfragen zufolge (allen voran die des Kultur-TV-Senders 3Sat) ist Verdis La Traviata die
beliebteste Oper Deutschlands.
Ein mitreißendes Brindisi, schmissige Arien und eine große Sterbeszene = glückliches Publikum.
Dass diese Gleichung nicht hinhaut, beweist die Münchner Inszenierung.
Es braucht eben doch noch ein bisschen Magie dazu...
Bühne, Licht, Kostüme, das ganze „Brimborium“ eben – vom französischen Wort
Briborion übrigens, auf deutsch: die Zauberformel.
Aber genau diese Prise Zauber fehlt hier.
Die Kulisse ist spärlich, was ja nicht gleich ein Nachteil sein muss,
aber leider nichts sagend.
Eine mit schwarzem Stoff bespannte Pappwand, drei Durchgänge und dahinter ein rot
ausgeleuchteter Raum deuten den Palazzo der Violetta an.
Dazu ein Servierwagen, ein paar grüne Schampus-Schalen und schlichte Charleston-inspirierte Kostüme.
Mehr wird nicht geboten.
Es schmerzt das sagen zu müssen, aber: Das Ganze wirkt provinziell.
Auf jeden Fall weit unter dem sonst üblichen Münchner Standard.
Vergleicht man diese Aufführung mit anderen Traviatas z.B. der Deutschen Oper in Berlin,
wird deutlich, was wir meinen: Die Bühne dort ist ebenfalls simpel ausgestattet.
Ein hochglänzender schwarzer Fliesenboden, übergroße Türen im Hintergrund, fertig.
Darauf ein Bett, das je nach Szene mit einem andern Stoff überzogen wird:
Zum großen Fest im ersten Akt ist das Bett ein luxuriöser, schwarzer Diwan.
In Violettas Garten liegen ein paar getrocknete Rosen auf den Fliesen, ein Karomuster auf dem Bett vermittelt das ländliche Sujet. Wenn Alfredos Vater ihn bedrängt, die Kurtisane zu verlassen, wickelt
sich der Sohn wie ein kleines Kind in den Stoff, um nichts mehr hören zu müssen.
Die Sterbeszene: Ein weißer überlanger Überwurf, schon haben wir ein Krankenbett.
Schlicht, aber wirkungsvoll.
Dieses durchgehende Konzept, das den Zuschauer an der Hand nehmen und die Entwicklung der Figuren
verdeutlichen soll, fehlt in München komplett.
Und, mag sein, dass andere Zuschauer es weniger krass empfinden,
aber wir hatten das Gefühl, die Sänger und Sängerinnen agierten in diesem faden,
uninspirierten Setting ebenfalls weitgehend lustlos.
Zur großen Arie der Violetta im ersten Akt „E strano!“ steht der Sopran recht
hilflos auf der Bühne, kann seine Emotionen nicht entfalten, nur ein paar mal von links nach rechts laufen.
Da die Regie den Protagonisten wenig bietet, ihre Figuren zu entwickeln, wird überhaupt sehr viel
herumgestanden. Ein paar Blicke, mehr Potential haben die durchaus dramatisch angelegten Figuren nicht an die Hand bekommen, ihre Geschichte zu erzählen. Und so hat man mitunter den Eindruck, sie würden sich auch nur
wenig Mühe geben, irgendeine Ausdruckskraft aufzubieten. Spiel und Szenario wirken halbherzig.
Foto: © Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper ; Alle Rechte vorbehalten
Noch ein Beispiel: Im Garten der Violetta, der im wesentlichen nur mittels einer großen Schaukel
und ein bisschen Herbstlaub angedeutet wird, singt der Tenor („Lunge da lei“) auf besagter Schaukel sitzend.
Ein kraftloses Bild. Tenor auf Schaukel. Was soll uns das sagen? Vielleicht, dass Alfredo von kindlicher Naivität ist.
Das würde es zwar treffen, ist aber nicht gerade ein tiefenpsychologisch ausgeleuchtetes Bild.
Apropos Tenor: Ausnahmsweise gehört unsere Schelte auch den Kostümbildnern.
Wir waren die ganze Aufführung damit beschäftigt, uns zu fragen, was am Schnitt des
Tenor-Kostümes nicht sitzt!? Diese Hose! ... wie ein Autounfall: Man will es nicht sehen, muss
aber doch die ganze Zeit hinstarren.
Sie merken beim Lesen vielleicht schon, wir hatten als Zuschauer viel Zeit,
auf an sich nebensächliche Dinge zu achten.
Schaukel, Herbstlaub, Hose...
Das liegt aber schlichtweg daran, dass die Inszenierung es nicht schafft, den Zuschauer zu bannen.
Man langweilt sich fast... und dann stört man sich eben auch an Kleinigkeiten wie der
Hose des Tenors.
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